Der nette Herr Doll ist nicht mehr nur nettLigapokal: Nach der Niederlage in Bremen zieht der HSV-Trainer andere Saiten auf. Zwei Spieler wurden öffentlich kritisiert, auch Schiedsrichter Kinhöfer bekam sein Fett weg.
So angefressen war Thomas Doll selten einmal nach einem Spiel, wie nach der 1:2-Niederlage im Halbfinale des Ligapokals in Bremen gegen Werder. Und anders als zu früheren Tagen, als Doll sich immer selbst den Mund verbat, ließ der HSV-Trainer diesmal seinem Unmut freien Lauf. Erstmalig betrieb er öffentlich Spielerschelte, als er vor der Kamera des Pay-TV-Senders Premiere namentlich René Klingbeil und Bastian Reinhardt kritisierte. Und dann bekam auch noch Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer sein Fett weg - Doll war auf 180.
"Vor dem ersten Bremer Tor hätte Klingbeil einrücken müssen, das war ein Stellungsfehler von ihm - auf seiner Seite gab es keinen Spieler mehr, der zu decken gewesen wäre", sagte Doll. Zum 2:1 von Frings meinte der Coach: "Da hätte Reinhardt entschiedener hingehen und den Schuss abblocken müssen."
Früher hat Thomas Doll sich immer vor seine Spieler gestellt, hat sie öffentlich nie an den Pranger gestellt. Neue Zeiten beim HSV? Doll gab zu: "Mich ärgert dieses Spiel, diese Niederlage, mich ärgert vor allem unsere erste Halbzeit - und dann hat mich diese eine Szene geärgert." Gemeint war die Rote Karte für Nigel de Jong (76.). Doll: "Wir waren nach der ersten Halbzeit so gut drin im Spiel, die Jungs hatten sich zur zweiten Halbzeit so viel vorgenommen - dann war dieses Rot der Knackpunkt, und das war ganz bitter für uns. Wir hätten mit elf Mann, davon bin ich überzeugt, noch das 2:1 gemacht."
Auch in Sachen Schiedsrichter ging Doll in die Offensive. Er erklärte die Rot-Aktion von de Jong: "Nigel grätscht, um den Ball abzufangen, konzentriert sich nur auf den Ball. Von links kam Frings und fädelte ein - da gebe ich eine Gelbe Karte, aber mehr nicht. Auf alle Fälle ist das kein Rot, das haben mir alle bei der Premiere-Analyse bestätigt - aber der Schiedsrichter hat ja auch generell eine Klasse-Leistung abgeliefert." Dann, nach kurzer Pause, fügte Thomas Doll verbittert an: "Der war ja auch der wichtigste Mann auf dem Platz. . ."
Zur Erinnerung: Das letzte Bundesliga-Spiel der vergangenen Saison hieß HSV - Werder (1:2 am 13. Mai). Damals stand der Unparteiische Markus Merk hart in der Kritik (der Hamburger). Doll hatte öffentlich, also im Fernsehen, Verständnis für Merk geäußert, hatte aber intern die Leistung des Schiedsrichters heftig kritisiert. Diese Zeiten gehören nun offenbar der Vergangenheit an. Thomas Doll, sonst stets "everybody's darling", wird nun offensiv, wird auch aggressiv, er lässt sich kein Blatt mehr vor den Mund legen, er spricht das an und aus, was ihm nicht passt - der nette Herr Doll ist nicht mehr immer nur lieb und nett. Seit dem 18. Oktober 2004 ist er HSV-Cheftrainer, nun werden offenbar andere Saiten aufgezogen.
Das gilt auch in Sachen Taktik. Vertraute Doll bislang seiner Viererkette, seiner Raute im Mittelfeld und den zwei Spitzen im Angriff, so will er in dieser Saison durchaus variieren. In Bremen begann er mit dem Experimentieren, ließ seine Mannschaft eine Halbzeit lang mit nur einer Spitze (Paolo Guerrero) spielen. "Ich wollte Piotr Trochowski und Rafael van der Vaart mal hinter der Spitze sehen, wollte viele Ballkontakte im Mittelfeld, wollte so für ein Übergewicht sorgen", sagt Thomas Doll. Das Thema "eine Spitze" hat er aber schon wieder zu den Akten gelegt: "Wir haben gesehen, dass es nicht einfach ist, wenn Paolo Guerrero da vorne allein auf weiter Flur ist. Es ist schon angenehmer, wenn er, wie in der zweiten Halbzeit, noch einen Mann an seiner Seite hat. Das ist unser Fußball, ich habe ja auch ganz gerne zwei Spitzen da vorne. Aber wir werden sicher auch ab und zu das eine oder andere mal ändern, egal ob nun zu Hause oder auswärts."
Auf jeden Fall aber war das Spiel gegen Werder schon eine deutliche Steigerung gegenüber der Partie gegen Hertha BSC (1:0). Thomas Doll dann wieder nett: "Unterm Strich: Mit der zweiten Halbzeit, teilweise auch mit der ersten Halbzeit, können wir schon zufrieden sein."
Quelle: Abendblatt.de

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