Hausfrieden gefährdet
Van der Vaart beim enttäuschenden 1:1 gegen Bielefeld mit Chefrolle überfordert - De Jong kritisiert Trainer Doll.
Hamburg - Die blaue Binde hatte sich Raphael van der Vaart unmittelbar nach dem Schlusspfiff vom linken Arm gezogen. Nun hielt er sie in der Hand, nestelte daran herum, zog sie immer wieder auseinander, als wollte sich der Kapitän des Hamburger SV von einer Last befreien. Genervt reagierte er auf die Frage, ob er sich schon als Chef der Mannschaft fühle. "Was ist ein Chef? Ich versuche, meine Sachen zu machen. So wie immer", sagte van der Vaart und verschwand in der Kabine.
Die Mannschaft des HSV hatte beim 1:1 (0:1) zum Saisonauftakt gegen Arminia Bielefeld so gespielt wie ein Kind Fahrrad fährt, wenn zum ersten Mal die Stützräder abmontiert werden. Es fehlte an Sicherheit, am Gleichgewicht und in allen Bewegungen an der Stabilität.
Mit Sergej Barbarez (Bayer Leverkusen) und Daniel van Buyten (FC Bayern) waren zwei absolute Führungsspieler abgegeben worden. Die Rechnung der Vereinsführung, die Verantwortung auf mehrere Schultern zu verteilen, ging im ersten Spiel allerdings noch nicht auf.
So genügte den Ostwestfalen eine solide Vorstellung, um vor 49 713 Zuschauern in der AOL Arena einen Punkt zu gewinnen. Christian Eigler hatte die Gäste in der 32. Minute in Führung gebracht, Boubacar Sanogo gelang nach der Pause der Ausgleich für den HSV (67.).
Nach dem Spiel war Doll gar nicht so sehr enttäuscht über das Ergebnis, sondern vor allem über die Art und Weise, wie sich seine Mannschaft in der ersten Hälfte präsentiert hatte. "Ich kann mich nicht erinnern, dass wir schon mal so schlecht Fußball gespielt haben", sagte der Hamburger Trainer. "Ich hatte das Gefühl, jeder wollte nur für sich glänzen und die Bielefelder vorführen. Dadurch haben wir uns selbst ein Bein gestellt."
In der vergangenen Saison, die der HSV als Dritter abschloss, war der große Zusammenhalt innerhalb der Gruppe beschworen worden. "Unser Erfolg war in erster Linie das Resultat des ausgeprägten Teamgeistes", hatte Doll zu Beginn der Vorbereitung auf die neue Spielzeit gesagt und gewarnt, "zu glauben, dass es von allein so weitergeht. Wir müssen uns alles neu erarbeiten".
Nun scheint der Hausfrieden schon nach dem ersten Bundesligaspiel in Gefahr zu sein. Es sind Kleinigkeiten, die zeigen, dass in Hamburg noch nicht alles wieder so fest verwachsen ist, wie es in der Vorsaison der Fall war. Als Paolo Guerrero nach 59 Minuten ausgewechselt wurde, schimpfte der Zugang vom FC Bayern vor sich hin, verweigerte Doll den Handschlag und lief in die Kabine.
Zudem erweist sich Nigel de Jong als Problemfall. Weil er nicht wie von ihm erwartet zentral vor der Abwehr, sondern halbrechts im Mittelfeld aufgestellt worden war, kritisierte der Niederländer Doll nach dem Spiel: "Normalerweise weiß jeder, dass die Sechs meine Position ist. Das weiß auch der Trainer. Vielleicht müssen wir in der nächsten Woche mal darüber sprechen."
Obwohl der Niederländer, mit knapp drei Millionen Euro Jahresgehalt der Topverdiener im Kader, weder in den Vorbereitungsspielen noch zuletzt in der Champions-League-Qualifikation gegen C.A. Osasuna (0:0) überzeugt hatte, war die Formation von Doll zu Gunsten de Jongs umgestellt worden. Dieser hatte sich schon nach dem letzten Test gegen den AS Rom (1:0) beschwert, links im Mittelfeld spielen zu müssen: "Das ist keine Position für mich."
David Jarolim wechselte von rechts nach links, Piotr Trochowski flog aus der Elf. "Wenn die Veränderungen dazu geführt haben, dass die Ordnung nicht stimmte, nehme ich das auf meine Kappe", sagte Doll.
Quelle: DieWelt

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