2006-08-24

HSV IN DER CHAMPIONS LEAGUE

Millionen für den Schlussverkauf

Nach dem Einzug in die Königsklasse des europäischen Fußballs wollen die Verantwortlichen des HSV auf große Einkaufstour gehen. Auf dem Wunschzettel stehen hochkarätige Verteidiger - aber auch auf anderen Positionen besteht Bedarf.

Hamburg - Kurz nach dem Abpfiff kannte der Trainer des Hamburger SV kein Halten mehr. "Ich fühle mich wohl in Spanien", jubelte Thomas Doll, dessen Club durch ein 1:1 bei Osasuna Pamplona gerade die Champions League erreicht hatte - und tönte: "Barcelona oder Madrid können also kommen."

Gut möglich, dass zumindest einer der beiden Topclubs demnächst in der AOL-Arena aufläuft. Weil der HSV bei der Auslosung morgen ab 18 Uhr unter den schwächsten Teams in Lostopf vier einsortiert wird, droht beispielsweise eine Gruppe mit dem FC Barcelona, FC Chelsea und Benfica Lissabon. Damit man gegen solche Kontrahenten überhaupt eine Chance auf das Weiterkommen oder auch nur den dritten Platz (und die Uefa-Cup-Qualifikation) hat, wollen sich die Hamburger gleich mehrere neue Spieler holen.

Trainer Doll kündigte nach dem Spiel bei Osasuna an: "Wir haben jetzt noch die Möglichkeit, für die eine oder andere Position was zu machen. Wir gehen jetzt unsere Optionen durch und werden, wenn möglich, aktiv werden. Ich denke, wir werden wieder einen Kracher verpflichten." Das Geld für spektakuläre Neuzugänge ist da - allein der Einzug in die Champions League beschert dem HSV garantierte Einnahmen von acht Millionen Euro. Dazu kommen noch geschätzte 10,5 Millionen Euro aus dem Blitztransfer von Khalid Boulahrouz zu Chelsea und rund zwei Millionen aus dem Ligapokal und dem Hinspiel gegen Osasuna - macht zusammen über 20 Millionen Euro zum Ausgeben. Die Argumente für einen Wechsel nach Hamburg sind mit dem Erreichen der "Königsklasse" zudem um einiges überzeugender geworden.

Fraglich bleibt allerdings, wie die Hamburger all ihr Geld investieren wollen - zumal am 31. August die Transferliste schließt. Klar ist, dass nach dem Abgang von Boulahrouz und der möglicherweise langwierigen Adduktoren-Verletzung von Linksverteidiger Thimothee Atouba Verstärkungen für die Abwehr dringend benötigt werden. Angesichts der guten Erfahrungen mit Rafael van der Vaart und Nigel de Jong - der das entscheidende Tor in Spanien erzielte - schauen sich Trainer Doll und Manager Dietmar Beiersdorfer einmal mehr in den Niederlanden um.

Nach Informationen des Norddeutschen Rundfunks und der "Bild" wechselt der 26 Jahre alte Innenverteidiger Joris Mathijsen vom niederländischen Ehrendivisionär AZ Alkmaar nach Hamburg. Die Ablösesumme soll sechs Millionen Euro betragen, der HSV wollte den Transfer aber bislang nicht bestätigen.

Bislang stand Verteidiger und Nationalspieler Johnny Heitinga, 22, von Ajax Amsterdam ganz oben auf der Wunschliste. Ein Vorteil für die Hamburger könnte darin bestehen, dass Heitingas Berater der Ex-Bayern-Profi Sören Lerby ist - zu dessen Klienten gehören auch Van der Vaart und De Jong.

Neben Heitinga sollen Doll und Beiersdorfer auch zwei weitere Ajax-Profis beobachten - den 20-jährigen Linksverteidiger Urby Emanuelson (1 Länderspiel) und den Stürmer Ryan Babel, der trotz seiner 19 Jahre schon sieben Einsätze in der Nationalmannschaft absolviert hat. Ob der Jungprofi allerdings dem eher nicht Champions-League-tauglichen Sturm des HSV die nötige Klasse verleihen könnte, ist ungewiss - zumal dort mit Paolo Guerrero und Benjamin Lauth bereits zwei junge Angreifer mit latenter Ladehemmung spielen.

Nur: Stürmer gehobener Klasse sind einerseits zur Zeit nicht im Schlussverkauf zu haben und wenn doch noch einer auftaucht, reichen 20 Millionen Euro sicher nicht aus, um ihn zu verpflichten. So gesehen wird sich der HSV wohl auf die Runderneuerung seiner Abwehr konzentrieren müssen, die mit der Verpflichtung des Belgiers Vincent Kompany bereits hoffnungsvoll begonnen hat.

Als Kandidaten gelten neben Heitinga und Emanuelson auch so prominente Kicker wie der argentinische Nationalverteidiger Juan Pablo Sorín, der beim FC Villareal Schwierigkeiten mit der Clubführung hat oder WM-Teilnehmer Arthur Boka von der Elfenbeinküste, der noch bei Racing Straßburg unter Vertrag steht. Wer auch immer am Ende tatsächlich nach Hamburg kommt, er soll im besten Falle bereits am kommenden Sonntag gegen Hertha BSC auf dem Platz stehen. "Es wird jetzt sehr schnell gehen", kündigte Manager Beiersdorfer an, "aber wir werden bei unserer Geschäftspolitik bleiben und das Gehaltsgefüge nicht sprengen".

Nicht so schnell gehen wird es sicher, falls sich die HSV-Verantwortlichen entschließen sollten, auch einen neuen Torhüter zu suchen. Sascha Kirschstein, 25, gilt zwar als große Hoffnung für die Zukunft, doch nicht nur sein Fehler beim Gegentor in Osasuna zeigt, dass er noch kein Klasse-Torwart ist, der beständig auf ganz hohem Niveau spielen kann. Nicht nur im Hinblick auf europäische Ambitionen, sondern auch im Vergleich zu den Bundesliga-Konkurrenten aus München, Bremen oder Gelsenkirchen können die Hamburger nicht mithalten. Eine Lösung für dieses Problem spielt gar nicht allzuweit entfernt: Robert Enke, der zum wiederholten Male von seinen Kollegen zum besten Torhüter der Liga gekürt wurde, hat auf mittlere Sicht sicher eine bessere Mannschaft verdient als Hannover 96.

Das Spiel in Pamplona hat allerdings auch gezeigt, dass mitunter gar keine teuren Neuverpflichtungen nötig sind, um der Mannschaft auf der Sprünge zu helfen. Als Kompany bereits nach elf Minuten vom Platz musste, feierte der von vielen bereits abgeschriebene Namibier Collin Benjamin nach 13 Monaten Verletzungspause ein sensationelles Comeback. Doll war hellauf begeistert: "So viele Hüte kann ich gar nicht ziehen." Schade nur für den HSV: Einen weiteren Rückkehrer aus den eigenen Reihen wird Doll wohl aus keinem seiner vielen Hüte zaubern können.

Quelle: spiegel online