2006-10-12

Benjamin im Glück

Thomas Doll wirkte gehetzt, fast gestresst. "Ich habe Termine", so der HSV-Trainer gestern unmittelbar nach dem Training. Dennoch, einen kurzen Moment hielt er inne, angesprochen auf das erneute Verletzungspech.

Schließlich droht mit Vincent Kompany nach Bastian Reinhardt, Thimothee Atouba, Guy Demel und dem gesperrten Mehdi Mahdavikia der vierte etatmäßige Verteidiger verletzt auszufallen. "Es sind nur Probleme am Oberschenkel im Adduktorenbereich", sprach Doll auch sich selbst etwas Mut zu, "ich gehe nicht davon aus, dass er ausfallen wird."Alles andere, und das bestätigte der HSV-Trainer mit einem Kopfnicken, wäre in dem so wichtigen Spiel am Sonnabend gegen Schalke 04 (Sa. 15.30 Uhr, AOL Arena) eine Katastrophe. "Wir kriegen schon noch vier Verteidiger hin", ergibt sich inzwischen selbst Sportchef Dietmar Beiersdorfer in Galgenhumor.

Allein Collin Benjamin freut das Szenario. Ohne Schadenfreude selbstredend. "Ich hatte gut gespielt, mich für die rechte Seite empfohlen", so der Namibier rückblickend, "und durch die blöde Rote Karte gegen Hertha BSC hatte ich mich selbst ins Hintertreffen gebracht." Ebenso wie jetzt Mehdi Mahdavikia durch seinen Platzverweis gegen Werder Bremen. "Das ist das Schöne am Fußball", phrasiert Benjamin, "jetzt schlägt halt wieder meine Stunde."

Bislang hat sich Doll in Sachen Aufstellung noch nicht festgelegt. Mit René Klingbeil stünde zudem eine weitere Alternative für die Außenverteidigerposition bereit. Bei einem Ausfall Kompanys wäre "Klinge" jedoch erste Wahl für die Innenverteidigung. "Eine Position, die mir liegt", so der bescheidene Klingbeil, "auch wenn ich sie in der Bundesliga noch nie gespielt habe."Egal wie, Doll wird durch den definitiven Ausfall Reinhardts seine Abwehr erneut umbauen müssen. "Das ist schon bitter", klagt Torwart Sascha Kirschstein, "gerade Basti war zuletzt stets unser bester Mann. Und in der Abwehr ist nichts wichtiger, als eingespielt zu sein." Mit den Worten, zur Not als Torwart auch den Abwehrchef zu mimen, sieht Kirschstein seine Mannschaft in Not. "Ein Vorteil ist unsere Personalsituation auf jeden Fall nicht."

Außer für Benjamin - und gegebenenfalls Klingbeil. Zumal für Collin Benjamin nach dem vergangenen Seuchenjahr (verletzungsbedingt Vertragsauflösung) viel auf dem Spiel steht. "Ich weiß, was die Leute hören wollen - aber ich habe das ganze Thema abgehakt. Meine Verletzung liegt hinter mir, das ist alt. Genau wie ich mit 28 Jahren nicht völlig aufgedreht durch den Tag renne, nur weil ich gegen Schalke eventuell spiele." Auf seine Vertragssituation angesprochen kann auch Benjamin eine gewisse Unruhe nicht verbergen. "Darüber kann und will ich mir jetzt noch gar keine Gedanken machen", sagt Benjamin, "was bleibt mir auch übrig? Erstmal spiele ich jetzt ein paar Spiele möglichst gut - dann kümmere ich mich um meinen Vertrag." Der endet am Saisonende.

Quelle: Abenddblatt